E-Food boomt –Wie Covid 19 das Einkaufsverhalten verändert

Covid 19 hat dem Marktsegment einen gewaltigen Schub beschert: E-Food boomt. Doch nicht alle Länder Europas profitieren gleich stark. Wie deutlich die Unterschiede sind, zeigt eine Studie des EHI Retail Instituts.

 

| Lesedauer: 5min.

Nachfrage höher als die Kapazitäten

Mit einem Klick vom Sofa aus den Wochenkauf erledigen? Bereits vor der Pandemie war E-Food als Trend klar erkennbar. Einschränkungen im Einzelhandel wegen Covid 19, Sorgen der Kundschaft vor Ansteckungen, aber auch der Wunsch nach optimalem Zeitmanagement treiben die Nachfrage nach Lebensmitteln aus dem Internet weiter nach oben.

Längst können Anbieter von E-Food nicht die komplette Nachfrage ausschöpfen. Logistik- und Kapazitätsgrenzen führen dazu, dass Lieferslots teilweise Mangelware sind.

Das Bild in Europa ist allerdings uneinheitlich. Während in manchen Ländern E-Food ein ernstzunehmender Faktor ist, werden anderen Orts zwar hohe Wachstumsraten verzeichnet, allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau.

Marktanteil in Großbritannien bei 8,8 Prozent

Spitzenreiter der vom EHI Retail Institut untersuchten Länder ist Großbritannien. Nach Hochrechnungen des britischen Marktforschungsunternehmens IGD erreichte der E-Food-Markt im vergangenen Jahr ein Gesamtvolumen von 18 Milliarden Pfund Sterling (rund 20,8 Milliarden Euro). Bei einem Gesamtumsatz im Lebensmitteleinzelhandel von 205 Milliarden Pfund entspricht das einem Marktanteil von 8,8 Prozent. „Hier war der Reifegrad des E-Food-Markts bereits vor der Krise sehr hoch“, so das EHI Retail Institut.

Click & Drive in Frankreich beliebt

Auch in Frankreich konnte der Online-Lebensmittelhandel im vergangenen Jahr profitieren. Für 2020 verzeichneten die Nielsen-Marktforscher einem Anstieg des E-Food-Marktanteils am Lebensmittelmarkt auf 8 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte der Marktanteil für E-Food noch bei knapp 6 Prozent gelegen. „Der Lebensmittel-E-Commerce-Boom in Frankreich beruht vor allem auf dem Click & Drive-Modell großflächiger Vollsortimenter“, heißt es beim EHI Retail Institut. „Bei diesem Konzept bestellen Kunden die Ware online und holen diese selbst beim Markt zu Fuß an eingerichteten Ausgabepunkten oder mit dem Auto an Drive-in-Abholstationen ab.“

Deutschland: Geringer Marktanteil

Deutschland verfügt über ein im europäischen Vergleich sehr dichtes Filialnetz von Lebensmitteleinzelhändlern. Der Anteil der E-Food-Branche in Deutschland von 1,0 bis 1,4 Prozent am gesamten Lebensmitteleinzelhandel ist dagegen gering. Allerdings wächst der Markt stark und hat im Coronajahr noch einmal einen Schub bekommen. Im Jahr 2020 kam der deutsche E-Food-Markt nach Angaben des Bundesverband E‑Commerce und Versandhandel (bevh) mit einem kräftigen Zuwachs von mehr als 67 Prozent gegenüber 2019 auf einen Gesamtumsatz von 2,67 Milliarden Euro.

„Zentral gesteuerte Online-Angebote von Rewe, Picnic und dm erlebten einen Aufschwung, ebenso die Lieferdienste vieler selbstständiger Lebensmitteleinzelhändler, sodass sie zum Teil an ihre Kapazitätsgrenzen stießen“, erläutert das EHI Retail Institut.

Trend zu Fresh Solutions

Dass dieser Trend weiter anhält, darauf deutet auch die aktuelle Studie des Markforschungsunternehmens GfK hin. Viele der durch die Pandemie ausgelösten Effekte im Einkaufsverhalten sind laut GfK-Studie auf veränderte Bedürfnisse der Konsumenten zurückzuführen. Dazu gehören bewusster Konsum und Entschleunigung im Alltag. Die besondere Aufmerksamkeit, die das Thema Food in der Krise erhalten hat, unterstreicht das Zukunftsinstitut im Retail Report 2021: „Mit der höheren Affinität, Lebensmittel auch online einzukaufen, dem steigenden Wunsch, selber zu kochen, und dem Ausbau der Infrastruktur ergeben sich neue Fresh Solutions, die neben der Versorgung den Genuss in den Fokus stellen.“

Startups machen Konkurrenz

Angelockt von deutlich gestiegenen Umsätzen und dem Potential im E-Food-Bereich wollen in Deutschland nun immer mehr Startups den großen Lebensmittelhändlern Konkurrenz machen.  Ausgestattet mit jeweils hunderten Millionen Euro Wagniskapital wollen die Lieferdienste  Gorillas, Flink und Getir in weitere Städte expandieren. Während sie versprechen, die bestellte Ware in zehn Minuten liefern zu können, setzen andere Anbieter wie das niederländische Unternehmen Picnic auf feste Routen zu festen Zeiten. Das spart Geld – und schadet dem Erfolg der Niederländer trotzdem nicht.

So wünschen sich nach einer Umfrage des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln zwar über die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen kleinere Einkäufe rund um Produkte des täglichen Bedarfs oder Getränke innerhalb von vier Stunden. Ein Großteil der Gesamtbevölkerung (36 %) ist allerdings mit einer Lieferung am selben Tag zufrieden, bei Getränken reicht meist der nächste Tag.

Rewe steigt bei Flink ein, Edeka bei Picnic

Die Menge der kleinen Anbieter in einem stark wachsenden Markt bringt auch die Großen wie Rewe und Edeka zum Umdenken. So stieg Rewe, Marktführer im Liefer- und Abholservicegeschäft, im Sommer mit einer Minderheitsbeteiligung beim Start-up Flink ein. Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der REWE Group, erklärte dazu, es sei erkennbar, „dass sich das Liefergeschäft mit Lebensmitteln in Deutschland aktuell sehr stark ausdifferenziert. Neben dem umfassenden Vollsortiments-Angebot bei Rewe.de mit bis zu 20 000 bestellbaren Artikeln treten Schnell-Lieferdienste in den Markt ein, deren USP eine Belieferung der Kunden in 10 Minuten ist.“ Die REWE Group will von der Entwicklung des Marktsegments profitieren und bei Flink unter anderem exklusiv die Warenversorgung übernehmen.

Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka, bisher im E-Food-Bereich eher zurückhaltend, setzt auf eine Beteiligung am niederländischen Unternehmen Picnic. Edeka ist davon überzeugt, dass sich mit dem Konzept von Picnic, zu festgelegten Zeiten in festgelegten Vierteln zu liefern, zukünftig im Onlinehandel am ehesten Geld verdienen lässt.

Und auch in Großbritannien – derzeit von Lieferengpässen und einem Mangel an LKW-Fahrern belastet – stehen neue Kooperationen an. So hat sich jetzt Deliveroo mit der Supermarktkette „Morrisons“ zusammengetan. Der neue Lieferservice „Hop“ bringt in zwei Londoner Stadtteilen Lebensmittel aus dem Morrisons Sortiment innerhalb von 30 Minuten bis nach Hause.

Fazit

E-Food ist ein Trend, der durch die Coronapandemie einen großen Schub bekommen hat. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Unternehmen stehen nun vor der Herausforderung, angesichts der wachsenden Nachfrage nicht an Liefer- und Kapazitätsgrenzen zu stoßen. Während in europäischen Ländern mit geringer Lebensmitteleinzelhandelsdichte wie Großbritannien und Frankreich der E-Food-Anteil bei mindestens 8% liegt, ist er in Deutschland noch gering. Startups, deren USP Lieferzeiten bis 10 Minuten sind, drängen mit Wucht in den Markt, doch auch die Großen wie Edeka und Rewe wollen von der Entwicklung profitieren. Mit unterschiedlichen Ansätzen versuchen sie, im E-Food-Handel Geld zu verdienen.

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