Lieferengpässe bedrohen Weihnachtsgeschäft: Was Unternehmen hilft

Automobilkonzerne stecken wegen fehlender Zulieferprodukte in der Krise. Teures Baumaterial bremst das Handwerk aus. Jetzt bedrohen brüchige Lieferketten massiv das Weihnachtsgeschäft. Vor allem in zwei Bereichen müssen Unternehmen laut Experten aktiv werden, um sich zukünftig gegen Disruptionen in der Lieferkette zu sichern.

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Materialengpässe verdrängen Coronaprobleme

Lieferkettenbrüche – bisher ein Thema für Fachleute – können spätestens beim Weihnachtsgeschäft so gut wie jeden treffen. Einkäufer haben zunehmend Schwierigkeiten, für die letzte drei Monate des Jahres Artikel bei ihren eigenen Lieferanten zu beschaffen. Das ergab eine Umfrage des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Für die befragten Unternehmen hat die Rohstoffknappheit längst die Pandemie als zentrale Herausforderung im Tagesgeschäft abgelöst. Während rund 70 Prozent der befragten Unternehmen den Einfluss der Versorgungsknappheit als hoch bewerten, hat Covid 19 noch für 43 Prozent einen hohen Einfluss.

Diese Produkte sind Mangelware

Lage Wartezeiten gibt es schon jetzt für Elektronikartikel. Wer eine Playstation 5 sucht, muss auf Überraschungsverkäufe hoffen. Doch auch bei Verpackungsmaterial, Möbeln, Saisonartikeln oder Sportschuhen zeigt sich: Wenn sie überhaupt geliefert werden, dann nur mit deutlicher Verzögerung und zu einem höheren Preis. Am anfälligsten für Ausfälle der globalen Lieferketten sind Hightech-Produkte wie Elektronik und Maschinen. Ihr Wert am Warenanteil in Euro ist nach einer neuen Studie des Wiener Instituts für Internationale Liefervergleiche hoch: Diese „riskanten Güter“ machen im EU-Schnitt etwa 30 Prozent des Warenanteils in Euro der EU-Importe aus.

Lieferengpässse: Was sind die Hintergründe?

1. Das Material ist knapp

Kapazitäten wurden wegen Corona heruntergefahren, das macht sich immer noch bemerkbar. Lieferwege und Nachfrage haben sich verändert, weil beispielsweise die USA schneller wieder in die Produktion eingestiegen sind.

2. Containerschiffe stehen im Stau

Rohstoffe und Waren kommen nicht zu den Kunden, weil die Containerschifffahrt mit teilweise chaotischen Zuständen zu kämpfen hat. Nach den Schiffsstaus im Suez-Kanal und vor der chinesischen Küste – wo immer noch etliche Schiffe auf die Abfertigung warten – sind jetzt auch Häfen in den USA betroffen. Das Problem: Der Containerkreislauf ist empfindlich gestört. Weil Ware nicht rechtzeitig entladen wird, fehlen die Container an anderer Stelle, wo sie wieder neue Lieferungen aufnehmen sollen.

In einem Brandbrief an die Vereinten Nationen haben die Internationale Schifffahrtskammer (ICS) sowie Transportverbände bereits vor einem „Kollaps des globalen Verkehrssystems“ gewarnt. Sie forderten eine Aufhebung der Reisebeschränkungen sowie einen besseren Gesundheitsschutz für Transportmitarbeiter. So konnten auf dem Höhepunkt der Krise hunderttausende Seeleute über Monate ihre Schiffe nicht verlassen. Gleichzeitig steigen die Preise für Container gewaltig – das bekommen auch die Kunden zu spüren.

3. Die Nachfrage ist hoch

Während der Pandemie haben Verbraucher zwar teilweise mit deutlichen Einbußen rechnen müssen. Vorhandenes Geld wurde aber auch anders ausgegeben. Statt Reisen wurden jetzt Umbauten zu Hause realisiert (zur Freude der Baumärkte). Und der globale Markt für Unterhaltungselektronik erzielte laut der Gesellschaft für Konsumforschung GfK im ersten Halbjahr 2021 ein Wachstum von 18 Prozent und erreichte damit einen Umsatz von 42,8 Milliarden US-Dollar. So wurde das Homeoffice ausgestattet, aber auch das private Freizeitangebot verbessert: Wer schon nicht ins Kino gehen konnte, kaufte wenigstens einen neuen Fernseher. „Der Aufwärtstrend bei der Nachfrage nach Unterhaltungselektronik setzt sich 2021 fort“, erläutert Jan Lorbach, GfK-Experte im Bereich Consumer Electronics. Für Experten ist deshalb klar: Wer Unterhaltungselektronik unter dem Weihnachtsbaum will, hat am besten schon gestern bestellt.

Wann ist mit einer Entspannung zu rechnen?

Die deutsche Wirtschaft erholt sich weiter von der Corona-Krise, verliert dabei aber zunächst an Fahrt. Das erklärt das Institut für Wirtschaftsforschung Kiel. Fortbestehende Vorsichtsmaßnahmen zum Infektionsschutz und Lieferengpässe bei Vorprodukten erwiesen sich als hartnäckiger und gravierender als erwartet. Das IfW Kiel revidierte in seiner jüngsten Konjunkturprognose seine Erwartungen für dieses Jahr nach unten und für nächstes Jahr nach oben. 2021 ist mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,6 Prozent zu rechnen (bislang 3,9), 2022 dann mit 5,1 Prozent (bislang 4,8). Einzelne Branchen rechnen in ganz anderen Zeiträumen: So erwartet der Verband des Deutschen Zweiradhandels erst 2024 wieder eine Normalisierung.

 

Wer kommt am besten durch die Krise?

Zwei Faktoren sind bei der Betrachtung von Lieferketten wichtig: Wie robust ist die Lieferkette? Und wie resilient ist sie? Das heißt, wie schnell kann sie sich erholen oder auf Veränderungen reagieren? Vor allem in zwei Bereichen sollten Unternehmen aktiv werden, um sich gegen Disruptionen in der Lieferkette besser zu schützen.

Digitalisierung für genauere Prognosen

Wesentlich für die Resilienz der Lieferkette ist ein sinnvoller Datenaustausch zwischen Unternehmen, ihren Lieferanten und Kunden, der auch eine Prognose darüber liefern kann, wie sich Warenströme und Kundenbedürfnisse zukünftig entwickeln: Betriebe, die bereits digitalisiert sind, konnten in vielen Fällen besser und schneller auf Herausforderungen reagieren als andere.

Höhere und flexible Lagerbestände

Trotz der Corona-Pandemie und der Störungen im weltweiten Handel setzen nur wenige Unternehmen in Deutschland auf nationale Lieferketten. Das geht aus einer ifo-Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung hervor. Viele Firmen planten stattdessen, ihre Lagerhaltung auszubauen und die Anzahl ihrer Zulieferer zu erhöhen, erklärte Lisandra Flach, Leiterin des ifo-Zentrums für Außenwirtschaft.  

Auch nach der jüngsten BME-Umfrage reagierten etwa 45 Prozent der Befragten mit höheren Lagerbeständen, über ein Viertel will Schwierigkeiten bei der Warenbeschaffung durch stärkere Kontrolle von Lieferterminen und Lieferanten entgegenwirken. Für die Verbraucher wird jedoch noch eine weitere Kennzahl von Bedeutung sein: Über zwei Drittel der befragten Firmen verzeichneten einen signifikanten Anstieg der Einkaufspreise. So müssen auch Kunden mit höheren Preisen rechnen – vorausgesetzt, das gewünschte Produkt kann auch geliefert werden.

Studie: Von Experten lernen

Mehr Informationen, wie Unternehmen ihre Lieferketten besser vor Disruptionen schützen können, gibt es auch in der Studie „Expect the unexpectet“ des „Herchenbach Supply Chain Instituts“. Profitieren auch Sie von den Erfahrungen der Logistik-Experten und laden Sie sich hier unsere Studie kostenfrei herunter

Fazit

Die Unsicherheiten der Corona-Pandemie rücken allmählich in den Hintergrund. Einmal mehr hat sich jedoch gezeigt, dass von Störungen belastete Warenströme zur neuen Normalität gehören werden. Umso wichtiger wird es für Unternehmen, in eine robuste und resiliente Lieferkette zu investieren. Die Digitalisierung von Prozessen spielt eine wesentliche Rolle, um Entwicklungen genauer zu prognostizieren. Für einen großen Teil der Unternehmen ist jedoch gerade kurz und mittelfristig schnell verfügbare Lagerfläche wichtig, um flexibler auf Schwankungen im Markt reagieren zu können.

 

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