Brexit und Coronavirus: 100 000 Lkw-Fahrer fehlen in Großbritannien

Supermarktketten warnen vor Lieferengpässen in Großbritannien, die einheimische Logistikbranche schlägt Alarm. Rund 100 000 Lkw-Fahrer fehlen auf der Insel. Ein Grund: der Brexit. Unternehmen und Verbände fordern die Regierung zum Handeln auf.

 

Keine Gummibärchen, kein Gemüse

Müssen sich die Briten auf leere Supermarkregale einstellen? Für Gummibärchen-Liebhaber sind die Aussichten schon jetzt schlecht. Süßwarenhersteller Haribo hat davor gewarnt, dass es zu Lieferschwierigkeiten in Großbritannien kommt: Der Grund: rund 100 000 Lkw-Fahrer fehlen auf Großbritanniens Straßen. Haribo-Vorstandsvorsitzender Ken Murphy betonte zwar, dass die Produktverfügbarkeit weiterhin hoch sei. Doch die Logistikbranche ist alarmiert. Zahleiche Unternehmen berichten von Schwierigkeiten, die Lieferketten aufrecht zu erhalten.  Betroffen sind Bauern, Schlachthöfe und Lebensmittel-Verarbeiter, weil niemand ihre Ware abholt – mit weit reichenden Folgen. Supermärkte, Händler und Wohlfahrtsorganisationen warnen vor Engpässen. So konnte Danone Waters Wassermarken wie Volvic und Evian nicht liefern. Die Supermarktkette Tesco befürchtet, dass durch den Mangel an Fahrern Frischware zu spät in den Märkten eintreffe. Selbst Schulen bereiten sich auf fehlende Ware in ihren Schulkantinen vor – und raten zum Kauf von Nudeln und anderen lange haltbaren Lebensmitteln

Fahrer aus Osteuropa bleiben weg

In einem eindringlichen Brief haben sich Richard Burnett, CEO der Road Haulage Association (RHA) sowie 20 Logistikunternehmen und -verbände an den britischen Premierminister Boris Johnson gewandt und ihn um persönliche Intervention gebeten. Burnett forderte den Premierminister auf, zu handeln, um „den Ausfall kritischer Versorgungsketten in einem noch nie dagewesenen und unvorstellbaren Ausmaß abzuwenden". Zwei Gründe für den Lkw-Fahrer-Mangel hebt die Branche besonders hervor: den Brexit und die Corona-Pandemie. Bereits vor der Pandemie habe es einen Mangel an Lkw-Fahrern gegeben. Wegen der Pandemie kehrten viele der Fahrer in ihre Heimatländer, vorrangig in Osteuropa zurück. Aufgrund von Reisebeschränkungen und komplexen Visa-Regeln sind sie bisher noch nicht zurückgekehrt. Zudem habe der Austritt aus der EU und die damit verbundene Unsicherheit über die eigene Rechtslage viele Fahrer dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Auch sie seien bisher noch nicht wiedergekommen. Und das werde auch nicht erwartet, heißt es in dem Schreiben.

Logistikbranche fordert Zeitarbeitervisum

Gemeinsam mit Logistikunternehmen und -verbänden forderte Burnett, den Zugang zu Arbeitskräften aus der EU und dem europäischen Wirtschaftsraum zu erleichtern – unter anderem durch die Einführung eines Zeitarbeitervisums für Lkw-Fahrer und die Aufnahme dieses Berufes in die Liste der Mangelberufe. „Dies wird den in Großbritannien registrierten Transportunternehmen den Zugang zu Arbeitskräften ermöglichen, die leichter im Vereinigten Königreich leben und arbeiten können und diejenigen, die das Land verlassen haben, zur Rückkehr ermutigen“, heißt es in dem Schreiben. Gleichzeitig betonten die Logistiker aber auch, dass dies nur eine kurzfristige Maßnahme sei. „Wir müssen gemeinsam einen nachhaltigen Weg finden, einheimische Arbeitskräfte zu rekrutieren und auszubilden, so dass unsere Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften mit der Zeit abnimmt.“ Allerdings weisen die Firmen und Verbandvertreter auch darauf hin, dass das Durchschnittsalter eines Lkw-Fahrers in Großbritannien bei 55 Jahren liegt. Viele der Arbeitskräfte gingen in den Vorruhestand oder suchten sich weniger anspruchsvolle Tätigkeiten. Da wegen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr deutlich weniger Berufskraftfahrerprüfungen stattfinden konnten, hätten statt sonst rund 40 000 Bewerbern im vergangenen Jahr nur 15 000 die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Regierung will einheimische Arbeitskräfte

Das britische Innenministerium erklärte, die Branche solle auf einheimische Arbeitskräfte zurückgreifen. So würde eine Reihe von Initiativen ergriffen, um mehr Lkw-Fahrer aus Großbritannien zu finden. Kurzfristig verschafft das der Logistikbranche jedoch keine Erleichterung. Der britische Arbeitsmarkt ist praktisch leergefegt. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ wurden landesweit zuletzt gerade einmal 110 Lkw-Fahrer als arbeitssuchend geführt.

Hiobsbotschaften für die Logistikbranche

Für die Logistikbranche ist der Fahrermangel eine weitere Hiobsbotschaft in einer von Krisen geprägten Zeit. Neben den Auswirkungen des Brexit und der Coronapandemie wirken Containermangel, die Probleme im Schiffsverkehr an chinesischen Häfen und Materialknappheit negativ auf die Lieferketten. Wie Unternehmen die Resilienz ihrer Lieferkette verbessern, das hat das „Herchenbach Supply Chain Institut“ in seiner neuesten Studie herausgearbeitet. In einer Umfrage mit Experten aus der Logistikbranche wurden Handlungsanweisungen erarbeitet, wie sich Unternehmen vor Brüchen in der Liegerkette schützen. Erfahren Sie mehr und laden Sie sich hier die Studie kostenfrei herunter: lp.herchenbach-industrial.com/studie-expect-the-unexpected.

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